Einmal durch Kerala – unterwegs im Süden Indiens

Einmal durch Kerala – unterwegs im Süden Indiens

Jede schöne Zeit muss leider einmal zu Ende gehen und so verließen wir Varkala nach 13 tollen Tagen voller neuer Erfahrungen und Freundschaften und stürzten uns ins „echte“ Indienabenteuer. Das startete gleich mit unserer ersten Zugfahrt. Total aufgeregt warteten wir am Bahnhof ehe der Zug, mit „nur“ 30-minütiger Verspätung, endlich eintraf. Heute lachen wir über diese 30 Minuten, denn mittlerweile wissen wir, dass der Verspätungsdurchschnitt eigentlich wesentlich höher ist :D. Je nachdem welche Klasse man bucht, sind die Züge in Indien ziemlich komfortabel, was wir so vorher nicht erwartet hatten. Insgesamt gibt es sechs unterschiedliche Hauptklassen, die von der überfüllten „Second Sitting“ Klasse, die Low-Budget Variante ohne festen Platz und viele Menschen im Abteil, bis hin zur „First Class“ die selbstverständlich eine Klimaanlage und jede Menge Komfort bietet. Um hier nicht zu sehr auf die jeweiligen Klassen und Besonderheiten der Züge einzugehen, werden wir demnächst einen eigenen Artikel zum Reisen mit dem Zug durch Indien schreiben, wo wir nochmal detailliert auf Ticketbuchungen und die verschiedenen Zugklassen/abteile eingehen.

Wir buchten also online mehrere Tage vor unsere Abreise eine mittlere Klasse (3AC), die zugleich auch die günstigste Klasse mit einer Klimaanlage ist. Da es unsere erste Zugfahrt in Indien war und wir nicht wussten was uns erwartet, war es uns wichtig, dass wir bei 35°C Außentemperatur wenigstens im Zug einen kühlen Kopf bewahren. Da viele Züge teilweise Wochen vorher ausgebucht sind, sollte man sich rechtzeitig überlegen, wann man wohin mit dem Zug reisen will und das Ticket am besten direkt buchen. Für uns waren das total neue Erfahrungen, sind wir doch sonst immer von einem Tag in den nächsten gereist, ohne uns irgendwelche Gedanken über Ticketbuchungen zu machen, aber zum Glück ist der gemeine Backpacker ja auch anpassungs- und lernfähig. Im Vergleich zu Sri Lanka sind die Züge hier um einiges schneller, größer und länger. Die Türen stehen während der Fahrt trotzdem offen und wer etwas wagemutig ist, kann sich bei der Fahrt aus dem Zug lehnen und die Landschaft betrachten, die nur so an einem vorbeizufliegen scheint. Und so kamen wir – 150km und 4 Stunden später – in Allepey an. Die kleine Stadt an der Westküste des Landes ist vor allem für eines bekannt – die Backwaters. Backwaters sind so etwas wie ein riesiges Geflecht an Seen und Kanälen die eine Vielzahl kleinerer Dörfer beherbergt, welche nur über den Wasserweg erreichbar sind. Unser Ziel war es durch die Backwaters direkt nach Kottayam zu reisen, um von dort den Bus ins Hochland nach Munnar zu nehmen. Es gibt viele Wege die Backwaters rund um Allepey zu erkunden. Je nachdem welches Budget man hat, kann man beispielsweise mit einem großen Hausboot über die Seen und Kanäle schippern, vorbei an kleinen Dörfern und Ayuveda-Massage Häusern um dann am Ende eine Nacht auf dem Hausboot irgendwo in den Backwater zu verbringen. Klingt ziemlich abgefahren und ist es wahrscheinlich auch, aber uns haben die ca. 60€ p.P. für die Tour ein wenig abgeschreckt und so entschieden wir uns für die mit Abstand günstigste Variante – mit der lokalen Fähre von Allepey direkt nach Kottayam. Nachdem alle weiteren Sehenswürdigkeiten am Vortag abgeklappert hatten, ging es am nächsten morgen um 07:15 Uhr mit der Fähre für umgerechnet 0,25€ p.P. Richtung Kottayam. Angelaufen wurden ca. 20-30 kleine Bootsanleger die zu den unterschiedlichen Dörfer der Backwaters gehörten. Als einzige Touristen an Bord waren wir einmal mehr ein kleines Highlight für viele Menschen um uns herum. Die 5-stündige Fahrt war ein großartiges Erlebnis und wir können jedem nur empfehlen mit der Fähre überzusetzen. Am Ende kann das Hausboot aufgrund seiner Größe auch nur die breiteren Kanäle ansteuern wie die Fähre und man sieht die verschiedenen Gesichter der Backwaters auch von der Fähre aus sehr gut. Zusätzlich kann man noch ein wenig mehr in die Welt der hier lebenden Menschen eintauchen.

Vom Fähranleger in Kottayam ging es mit der Rikshah (in Indien heißen die TukTuks nämlich Rikschahs, sind am Ende aber genau das Gleiche) direkt zur Busstation. Einmal mehr hatten wir ein perfektes Timing und unser Bus fuhr nur 2 Minuten nach unser Ankunft ab. Hört sich irgendwie entspannter an, als es eigentlich war, denn die Busbahnhöfe sind immer voller Busse und zusätzlich sind die englischen Städtenamen nur sehr selten abgebildet, sodass die Suche nach dem richtigen Bus oftmals der Suche nach der Nadel im Heuhaufen gleicht. Zum Glück sind die Inder meistens sehr hilfsbereit und sprechen gutes English, sodass man fast jeden um Hilfe bitten kann. Was wir jedoch auch gelernt haben ist, dass man nicht jeder Antwort sofort glauben sollte. „Nein“-sagen ist in Indien nicht gern gesehen und gilt als unhöflich, was dazu führt, dass einige Menschen einen aus Höflichkeit eben auch mal in die falsche Richtung schicken oder in den falschen Bus setzen wollen :). Auch unsere ersten Fahrt mit dem lokalen Bus war ein absolutes Abenteuer. Aus Sri Lanka kannten wir bereits schon den waghalsigen Fahrstil der Busfahrer, die ohne Rücksicht auf Verluste durch die Straßen und Städte knallen und in Indien ist das nicht wirklich anders, bis auf den Unterschied, dass die Straßen wesentlich voller sind und deswegen noch mehr gehupt wird. Es wird wirklich immer gehupt selbst wenn es gar keinen Grund gibt, wird zur Sicherheit einfach eine Runde gehupt. Versucht zu überholen wird grundsätzlich auch immer, egal ob vor einer Kurve, auf gerade Strecke oder vor/auf einem Berg, völlig egal ob Gegenverkehr kommt und dieser wegen dem Bus ausweichen muss. Hier scheint noch das Gesetz des Stärkeren bzw. Größeren auf der Straße zu gelten. Wenn man in der ersten Reihe sitzt, dann kann einem schonmal ganz anders werden, aber man gewöhnt sich relativ schnell an das permanente Gehupe und Gerase und auf dem Weg ins Hochland nach Munnar konnte man sich ja zum Glück mit der tollen Aussicht auf die Berge und Teeplantagen, die sich über die ganze Region erstrecken, ablenken. Zwei Tage verbrachten wir in dieser wunderschönen Region und erkundeten mit dem Roller die umliegenden Berge, Teeplantagen und Aussichtspunkte. Munnar selber ist nicht wirklich schön, hat aber die perfekt Ausgangslage für Touren im ganzen Hochland. Eine weitere angenehme Besonderheit der Region sind die Temperaturen. Wie schön kühl doch trockene 25°C sein können, wenn man zuvor durchgängig feuchte 35°C hatte. Eigentlich kamen wir auch hauptsächlich zum wandern hierher, aber da es wenige Wochen zuvor leider einen großen Busch- und Waldbrand gab, bei dem mehrere Touristen und sehr viele Tiere ums Leben kamen, waren alle Wanderwege gesperrt und so entschlossen wir uns, leider schon früher als geplant weiterzureisen.

Mit dem Bus ging es für uns zurück an die Westküste nach Kochi. Der Bus war von Anfang bis Ende komplett überfüllt, was die 4-stündige Fahrt ein wenig anstrengender gestaltete als uns eigentlich lieb war. Wer in die Altstadt von Kochi (Fort Kochi) will, der muss erst einmal durch Ernakulam bzw. dort den Bus wechseln. Für uns war nach drei Wochen in Indien Ernakulam der erste wirkliche Kontakt mit einer großen Stadt. Alles sah irgendwie gleich aus und wir waren froh, dass wir nach etwas herumirren den richtigen Bus gefunden hatten der uns aus diesem Großstadtgewusel in die ruhigere Altstadt bringen sollte. Im Vergleich zu Ernakulam (das irgendwie mit zu Kochi gehört) ist Fort Kochi wirklich entspannt und voller spannender Geschichte. Beim Schlendern durch die Straßen und Gassen der Altstadt kommt man vorbei an alten Kolonialhäusern, Hunderte Jahre alte Tempel, beeindruckenden Kirchen, Synagogen und chinesischen Fischernetzen. Insgesamt blieben wir für drei Nächte hier, weil wir neben der Atmosphäre der Altstadt auch unser Unterkunft sehr genossen. Jeder Morgen startete mit einer Yogastunde auf der Dachterasse des „Veda Wellness B&B and Yoga Centre“ zusammen mit Joseph, dem Besitzer und leidenschaftlichen Yogalehrer.

Am letzten Abend besuchten wir dann eine traditionelle Kathakali Aufführung in einem kleinen Theater. Kathakali ist eine rituelle Theaterform die in traditionellen Tanzdramen, Kämpfe zwischen Göttern und Dämonen darstellt. Das Besondere dabei ist das aufwendige Make-up, das von den Darstellern größtenteils selbst aufgetragen wird, und die farbenfrohen Kostüme. Von der Handlung versteht man ehrlich gesagt nur sehr wenig, aber es ist trotzdem sehr schön anzusehen 😀 Am nächsten Morgen verabschiedeten wir uns von Joseph und fuhren mit dem Zug von Ernakulam nach Kozhikode (Calicut) um von dort aus wieder mit dem Bus zurück in die Berge nach Wayanad zu fahren. Witziger weise merkten wir nach 30 Minuten im Zug, dass wir zwar auf den richtigen Plätzen saßen, aber leider im falschen Zug. Unser Zug fuhr an einem anderen Gleis ab als der Schaffner uns erzählt hatte (so viel zum Thema falsche Antworten geben :-D). Zum Glück fuhr dieser Zug aber auch in unsere Richtung und wir konnten vorerst sitzen bleiben und wurden nicht irgendwo auf halber Strecke ausgesetzt. Der Kontrolleur war gnädig mit uns und wie wir später von einigen Einheimischen hörten, passiert das wohl öfter, dass man plötzlich im falschen Zug sitzt. Insgesamt waren wir sieben Stunden unterwegs ehe wir unsere Unterkunft in Kalpetta – Wayanad erreichten. Kaum angekommen erkundigten wir uns gleich nach den Wanderrouten, die wir zuvor recherchiert hatten. Zu unserem Bedauern mussten wir erneut feststellen, dass alle Wanderrouten aufgrund eines weiteren Feuers von der Forstverwaltung geschlossen wurden. Zusätzlich wurde auch der umliegende Nationalpark Bandipur geschlossen den wir unbedingt besuchen wollten, da dort eine Chance besteht, einen der seltenen Bengalischen Tigern in freier Wildbahn zu Gesicht zu bekommen. Irgendwie schien uns das Backpackerglück verlassen zu haben, denn neben den geschlossenen Nationalparks und Wanderrouten gab es auch in der ganzen Stadt keine Möglichkeit irgendwo einen Roller auszuleihen, was uns mehr oder weniger dazu verdonnerte in Kalpetta zu bleiben, da unser Zug nach Goa erst in drei Tagen fuhr. Also entschlossen wir uns kurzer Hand einfach einen Ausflug in den Nachbarstaat Karnataka, nach Mysore (ca. 150km entfernt) zu machen um uns den leuchtenden Palast bei Nacht anzuschauen. Nur mit leichten Gepäck bewaffnet ging es mit dem Bus wieder einmal vier Stunden durchs Land. Die Straße führte direkt durch den Bandipur-Nationalpark, der zwar für Safaris gesperrt war, was aber nicht bedeutet, dass man nicht trotzdem wilde Tiere sehen konnte. Und so standen plötzlich am Straßenrand wilde Elefanten, Büffel und Rehe und schauten unserem Bus hinterher. Die Fahrt war großartig, quasi eine kleine Bussafari für 2 € p.P.. Obendrein hatte Mysore uns auch ziemlich beeindruckt. Der Maharadscha-Palast im Zentrum der Stadt ist nicht nur tagsüber ziemlich beeindruckend, sondern verwandelt sich an Sonn- und Feiertagen Nachts zu einem leuchtenden Märchenpalast. 100.000 Glühlampen lassen den Palast dann nämlich für wenige Stunden in einem goldenen Licht erstrahlen. Die Stromrechnung würden wir gern einmal sehen :-D. Am nächsten Morgen erkundeten wir die Stadt mit der Rikschah ehe es am späten Nachmittag wieder mit dem Bus zurück nach Kalpetta ging. Wieder war das Glück auf unserer Seite und wir konnten einige wilde Elefanten aus dem Bus sehen. Den darauffolgenden Tag nutzen wir dazu unseren nächsten Ziele in Indien ein wenig zu planen und zu recherchierten, welche Route die günstigste und sinnvollste für uns wäre. Mit dem Bus ging es am Abend zurück nach Calicut um dort um 1 Uhr in der Frühe in den Nachtzug  zu steigen, der uns in weniger als neun Stunden nach Palolem, im Süden Goas, bringen sollte. Unserer erste Nachtfahrt in Indien. Obwohl wir ja mittlerweile Profis im Zugfahren sind, konnte man bei uns trotzdem leichte Nervosität feststellen. Am Ende hatten wir uns völlig grundlos so viele Gedanken gemacht, denn die Fahrt war ziemlich entspannt und unsere beiden Rucksäcke ließen sich problemlos unter dem unteren Bett verstauen. Das Einschlafen fiel uns erstaunlich leicht und obendrein waren die Sitze beziehungsweise Betten relativ bequem und Frühstück gab’s auch direkt ans Bett geliefert 😉 Hiermit verabschieden wir uns von dem schönen Kerala, das unser Tor nach Indien war und freuen uns auf neue spannenden und vor allem entspannte Tage an den Stränden von GOA!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.