Unterwegs im Herzen Indiens – Rajasthan

Unterwegs im Herzen Indiens – Rajasthan

Der Staat Rajasthan bietet eine schier endlose Zahl an Orten die man besuchen kann, daher hatte es uns etwas Zeit gekostet, uns für eine Route durch das Herzstück Indiens zu entscheiden. Da die Züge z.T. mal wieder über eine Woche im Voraus komplett ausgebucht waren und wir keine Lust auf stundenlange Busfahrten bei ca. 39°C hatten, mussten wir unsere Tour leider etwas vorplanen und bestimmte Zugstrecken im voraus buchen. Unterkünfte und Essen auf unserem bisherigen Trip durch Indien waren schon recht günstig, in Rajasthan sollte es aber sogar noch günstiger werden. Budgetunterkünfte für insgesamt 5€/Nacht und Essen für 1-3€ inkl. Getränken sind absolut normal – quasi ein Paradis für uns Sparfüchse 🙂

Unsere erste Station hieß Udaipur. Da wir einen sehr günstigen Inlandsflug buchen konnten, flogen wir von Mumbai nach Udaipur, um uns einmal eine endlos lange Zugfahrt sparen. Statt 16h waren wir in 2h mit dem Flugzeug in der wunderschönen „Stadt der Seen“. Die – für indische Verhältnisse – kleine Stadt mit ca. 500.000 Einwohnern ist umgeben von Hügeln und acht künstlich geschaffenen Seen. Der Maharana und Gründer der Stadt hatte sich 1568 überlegt, dass es doch ganz nett wäre das Tal zu fluten und eine schöne Umgebung für seine neue Stadt zu schaffen. Wir können bestätigen, dass ihm das ganz gut gelungen ist, denn Udaipur hat eine wahnsinnig gemütliche Atmosphäre, mit seinen Booten, Badestellen für die Einheimischen, wunderschönen Tempeln und natürlich dem prunkvollen Stadtpalast. Das Zentrum war verglichen zu allen anderen Städten die wir bisher in Indien bereist hatten sehr gemütlich und der Verkehr absolut verträglich. Udaipur lädt wirklich zum Entspannen, Erkunden und Verweilen ein. Hier hatten wir uns das erste mal wirklich geärgert, dass wir unseren Bus bereits vorab gebucht hatten, denn eigentlich wären wir gern etwas länger als nur zwei Nächte geblieben. Die Sehenswürdigkeiten lassen sich leicht in zwei Tagen erkunden, aber aufgrund der gemütlichen Atmosphäre würden wir jedem empfehlen hier 3-4 Nächte zu bleiben. Da wir den Bus nicht kostenlos umbuchen konnten und natürlich auch nicht das Ticket doppelt bezahlen wollten, stiegen wir, nach einer kleinen morgendlichen Irrfahrt durch Udaipur auf der Suche nach der Busstation, in den Bus nach Jodhpur.

Nach 4h im klimatisierten Bus und bester Bollywood-Film Unterhaltung kamen wir dann in der „Blauen Stadt“ an. Auf den ersten Blick konnten wir nicht so viel davon erkennen, bei 39°C im Schatten und sehr stressigem Verkehr in der Innenstadt mussten wir erst mal verschnaufen und uns orientieren. Tatsächlich ist das Blau der Stadt am besten von oben zu erkennen, in den engen Straßen sieht man zwar ab und an ein blaues Haus, aber den besten Eindruck bekommt man von dem schönen Aussichtspunkt „Jodhpur City Viewpoint“. Es gibt zwei Theorien, warum die Stadt blau ist, jedoch weiß heute niemand mehr so genau welche davon tatsächlich stimmt:

  1. die Kaste der Brahmanen nutzte den blauen Anstrich ihrer Häuser als Erkennungsmerkmal, und irgendwann fanden die anderen Bewohner es wohl auch hübsch und strichen ihre Häuser ebenfalls blau an
  2. das Blau kühlt das Innere der Häuser und hält die Moskitos ab und hat keine tiefsinnigere Bedeutung

Vielleicht stimmen auch einfach beide Theorien, denn das Blau scheint in der Tat zu kühlen – was bei Temperaturen im Sommer bis zu 48°C sehr hilfreich sein kann. Zum Glück hatten wir noch den Frühling in Rajasthan erwischt, denn das Thermometer stieg während unseres Besuchs „nur“ auf 37-40°C. Da Jodhpur am Rand der Wüste Thar liegt, ist die Luft extrem trocken und die Vegetation Wüsten- bzw. Steppenartig. Das Klima hatte uns zugegebenermaßen ziemlich zugesetzt und sollte uns auch noch die nächsten Tage zu schaffen machen. Unsere Aktivitäten mussten wir daher auf den frühen Morgen und den Abend legen. Während der Mittagszeit haben wir meistens versucht ein kühles Plätzchen zu finden und uns möglichst wenig zu bewegen. Also besuchten wir bspw. das faszinierenden „Mehrangarh Fort“ in den Morgenstunden – eine Festungsanlage aus dem Jahr 1459 in 123m Höhe. Anschließend gab es noch einen kleinen Stadtbummel durch die sehr geschäftigen Straßen der Stadt. Es ist wirklich faszinierend, wie die Menschen hier mit diesen unglaublichen Temperaturen und dem chaotischen Durcheinander in der Stadt zurecht kommen. Uns ging meist schon nach einem Rundgang durch die City die Puste aus, sodass wir haben uns erstmal wieder ein klimatisiertes Plätzchen zum Verschnaufen suchten mussten. So blieben wir am Ende zwei Nächte in der blauen Stadt und lernten dank unserer stundenlangen Mittagsaufenthalte in den einheimischen Cafés und Restaurants sehr viel über das Leben in Rajasthan und die Geschichte Jodphurs.

Am nächsten morgen ging es mit dem Zug weiter nach Ajmer und von dort aus 20km mit dem Taxi nach Pushkar – eine der heiligsten Städte Indiens. Im Hinduismus gibt es um die 3.3 Mio. Gottheiten und Reinkarnationen, dabei bilden drei von ihnen die „Hauptgötter“ – Brahma (der Schöpfer des Universums), Vishnu (u.A. Gott der Schöpfung, Neubeginn; Erhaltung und Zerstörung) und Shiva (u.A. Glücksgott). Die meisten Tempel in Indien sind Shiva gewidmet, der Elefantengott gilt als der zugänglichste der Gottheiten und ist sehr beliebt bei den Hindus. Lediglich ein einziger Tempel in ganz Indien ist dem Schöpfer des Universums „Brahma“ gewidmet – und genau dieser ist in der heiligen Stadt Pushkar zu finden. Die Stadt ist ziemlich klein, entspannt und in der Mitte befindet sich ebenfalls ein künstlich angelegter See, welcher laut Überlieferung durch ein heruntergefallenes Lotusblatt entstand, als Brahma auf seiner Lotusblume über die Stadt flog. Ausschließlich Einheimischen ist es gestattet hier in diesem Gewässer zu baden in dem auch die Toten bestattet werden, so auch ein Teil der Asche Mahatma Gandhis. Neben den vielen beeindruckenden Tempeln hat Pushkar ein sehr entspanntes Zentrum mit kleinen Läden und jeder Menge Straßenküchen. Da die Stadt so heilig ist, sind Fleisch, Eier und Alkohol in der ganzen Stadt strikt verboten und nirgendwo zu finden. Pushkar ist umgeben von einer Halbwüste sowie vielen kleineren Bergen. Der Kontrast zwischen diesen Beiden macht die Landschaft irgendwie besonders.
Neben den heiligen Seen und Tempeln ist Pushkar aber auch für seine Kamele und Wüstentouren bekannt. Jedes Jahr im November kommen tausende von Menschen hierher um der größten Kamelmesse in Rajasthan beizuwohnen. Ein Spektakel das über mehre Tage geht und ein absolut verrücktes Erlebnis sein soll.

An unserem ersten Abend in der Stadt hatten wir zunächst den See und die heiligen Badestätten erkundet, um anschließend ausgehungert das leckere Straßenessen zu probieren. Jede Menge Saft-Stände mit frischen Früchten laden hier ebenfalls zum abkühlen ein. Entgegen jeder Warnung zum Thema „Eis in Getränken“ hatten wir uns einen 1l Mango-Shake machen lassen. Nach 5 Wochen Indien wurden wir also ein wenig leichtsinnig was wir bald bitter bereuten, denn das Eis wurde höchstwahrscheinlich aus dem „schwer verträglichen“ indischen Leitungswasser hergestellt. Celle ging es bereits in der Nacht sehr schlecht und bei mir sollte es dann auch am nächsten Morgen losgehen. Leider fühlten wir uns so schlapp, dass wir die Unterkunft an diesem Tag gar nicht verlassen konnten. Nach mehr als einem Tag Ruhe hatten wir uns dann wieder vor die Tür getraut und uns endlich den berühmten Brahma-Tempel angeschaut. Anschließend ging es dann noch zur Kamelsafari in die wunderschöne Umgebung Pushkars. Nachdem wir den Sonnenuntergang auf dem Rücken eines Kamels verbachten, ging es wieder zurück in die Stadt, denn am nächsten Morgen sollte die Reise weitergehen. Mit noch immer leichten Ausfallerscheinungen erreichten wir Zugstation in Ajmer in den frühen Morgenstunden. Das nächste Ziel hieß Jaipur. Wie sollte es anders sein – auch diese Stadt hat eine besondere Eigenschaft – Jaipur ist bekannt als die „Pink City“. Als 1876 der Prinz von Wales die Stadt besuchte, entschied man sich dazu die komplette Innenstadt vorab pink anzustreichen. Pink oder Rosarot ist Rajasthans traditionelle Farbe der Gastlichkeit und die Bewohner der Innenstadt sind bis heute per Gesetz dazu verpflichtet, ihre Fassaden in Schuss zu halten und die Farbe regelmäßig zu erneuern. Neben dem Stadtzentrum hat Jaipur aber noch mehr zu bieten: Den Palast der Winde (quasi nur eine Fassade eines Palastes, den die Damen des Hofes für Besichtigungen des „einfachen Volkes“ nutzten und im Verborgenen bleiben konnten); Jantar Mantar (riesige Sternwarte mit mehreren hundert Jahre alten astronomischen Messgeräten in überdimensionalem Ausmaß) und natürlich der Stadtpalast.

Auch wenn wir mittlerweile das Gefühl hatten von Indien schon etwas abgehärtet zu sein – Jaipur hat uns eines besseren belehrt. So schön die Stadt auch ist, so sehr muss man hier auch aufpassen. Es sind verhältnismäßig viele Touristen in der Stadt unterwegs und es scheint einige Einheimische zu geben, die versuchen den Besuchern möglichst viel Geld aus der Tasche zu ziehen. An jeder Ecke wird man angesprochen und mit den undenkbarsten Geschichten in ein Gespräch verwickelt. Auch hier haben wir natürlich sehr nette Menschen getroffen, aber leider auch Leute, die nicht so viel Gutes im Sinn hatten. Primär geht es am Ende um den Kauf von überteuerten Souvenirs, Stadttouren und Kleidung. Nach ein paar Sekunden merkt man aber meist schon, dass sich die anfangs noch entspannte Unterhaltung in ein Verkaufsgespräch verwandelt. Am Ende muss man also nur ein wenig aufpassen, um sich nicht über den Tisch ziehen lassen. Nach zwei Tagen im extrem heißen Jaipur ging es weiter nach Agra, unserem letzten Stopp in Indien, um das „Taj Mahal“ zu sehen.

Rajasthan war ein so bunter und vielseitiger Staat und jede Stadt hatte ihre ganz eigene Atmosphäre. Die meisten Menschen denen wir begegnet sind waren unglaublich herzlich, nett und interessiert an uns. Wir würden jederzeit wieder in diese wunderschöne Region Indiens reisen, aber dann wahrscheinlich eher im Winter, wenn die Temperaturen unter 30°C sinken :D.

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